Das leise Sterben

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Ein wenig Hirsebier opfert John Ngwenya vom Volk der Tsonga, wenn er mit seinen Vorfahren in Kontakt treten will. Zu ihren Sitten gehört es, Hirsebier auf all jene zu versprühen, die mit den Ahnen sprechen. Dazu gehört auch die Ziege.

Wie fast alle Völker Südafrikas glauben die Tsonga, dass die Geister der Verstorbenen ihnen helfen – und Hilfe brauchen sie dringend. Denn böse Dinge ereignen sich hier, am Rande des Krüger-Nationalparks.


„Dort sterben die Krokodile“, erzählt John Ngwenya bedächtig. „Wir wissen nicht, warum, aber wir sind traurig, denn wenn Krokodile sterben, dann ist es so, als ob wir selber sterben. Krokodile sind sehr wichtig für uns, wir verehren sie. Sie sind alte und weise Tiere.“

Weiter flussabwärts suchen die Wildhüter der Parkverwaltung verzweifelt nach den Gründen für das Sterben. Nichts für schwache Nerven, diese Arbeit, aber dass Danie Pienaar schwache Nerven hat, das hat noch niemand behauptet. Mit seinen Mitarbeitern ist er auf der Suche nach den Ursachen für das mysteriöse Krokodilsterben. Niemals hätten sie gedacht, dass die tonnenschweren Monster so verletzlich sind.

Überall in den Krokodil-Leibern fette Ablagerungen. Die dürften hier nicht sein. Vielleicht, so glauben sie, haben die Krokodile verseuchte Fische gefressen. Das allein aber kann es nicht sein.

Vor allem in den Flüssen Letaba und Olifant, - für Touristen unerreichbar -, leben hier Tausende von Krokodilen.


nullNatürlich weiß man, dass der Olifant- und der Letaba stark verschmutzt sind. Metall-Ablagerungen aus Mangan-Minen außerhalb des Parks werden hier angeschwemmt.

Aber diese Gifte scheinen den Krokodilen nicht zu schaden. Eine andere Möglichkeit hat sich aufgetan: dass nämlich die verendeten Krokodile die Kadaver von Artgenossen gefressen hatten, die ihrerseits schon krank waren. Die Wissenschaftler man vor einem Rätsel.
„Wir sind sehr erschrocken, wie viele Schadstoffe in diesem Wasser sind, aber keiner dieser Stoffe ist verantwortlich für das Sterben.“

Schon glauben manche, die furchterregenden Reptilien könnten ganz aus dem Park verschwinden. Im Dorf Bungani will Daniel Shiringa davon nichts hören. Ihm geht es um alte Legenden, zum Beispiel der von der Freundschaft zwischen dem Krokodil und dem Dachs.

“Das Krokodil und der Dachs hatten sich zerstritten, weil der Hase Zwietracht zwischen ihnen gesät hatte. Doch später trafen sich Dachs und Krokodil wieder und merkten, dass der Hase gelogen hatte. So können wir Menschen lernen, dass wir nicht auf Andere hören sollen.“

„Erzähl weiter!“, rufen die Kinder.

Sie kennen kein Fernsehen, und sind für solche Geschichten noch zu haben.

nullDie Menschen außerhalb des Krüger-Nationalparks leben mit den Krokodilen, immer schon. Krokodile gibt es hier seit Jahrmillionen. Man lebt mit der Furcht vor ihnen.
Denn Krokodile können bis hierher kommen, auf ihre Felder. Und so versuchen die Menschen einen Balanceakt zwischen Alltag und Nervenkitzel. In Fluss-Nähe ist der Boden besonders gut und ertragreich. Nur wenige Meter weiter aber könnte ein hungriges Krokodil liegen. Und manchmal schlägt eines zu.

“Ein kleines Mädchen ist hier in der Nähe schwimmen gegangen. Es war schon spät, und ein Krokodil hat es erwischt. Die Menschen aus dem Dorf haben die ganze Nacht gesucht. Am nächsten Morgen haben sie das Krokodil gefunden und erschlagen. Im Magen hat man einen Schuh des Mädchens gefunden.“

Doch diese Fälle sind selten. Und so gehen sie wie so viele afrikanische Frauen weiterhin zum Waschen an den Fluss. Auch, weil sie an den Alltag mit Krokodilen gewöhnt sind. Sie glauben sie zu kennen, glauben, dass Krokodile nur dann Menschen angreifen, wenn sie sich selber angegriffen fühlen.

“Natürlich haben wir Angst vor Krokodilen. Aber wir wissen auch, wie die sich verhalten. Hierher kommen die nicht, das Wasser ist zu flach und fließt zu schnell.“


Das Rätsel um das Krokodilsterben aber bleibt. Die Wissenschaftler brauchen mehr tote Tiere, um ihre Untersuchungen fortzuführen. Die Kadaver werden in ein tierärztliches Labor gebracht. Dort, so ist man sich sicher, wird man bald schon eine wissenschaftliche Antwort auf das Massensterben finden.

Bei John Hlengani Mashaba, dem traditionellen Heiler, sieht das allerdings ganz anders aus. Er wirft Knochenstücke und Muscheln auf den Boden. Aus der Art und Weise wie sie liegen bleiben liest er, was die Ahnen aus dem Jenseits ihm zu den mysteriösen Todesfällen sagen wollen. Und die Menschen hier nehmen dies sehr ernst.

“Diese beiden Knochen hier in der Mitte sind ein alter Mann, und eine Frau. Sie sind schon im Reich der Ahnen. Diese beiden töten unsere Krokodile. Der Mann, weil er grausam und böse ist, und die Frau, weil sie sich dafür rächen will, dass ein Krokodil eines ihrer Kinder getötet hat.“

Vorfahren mit Rachegelüsten, oder doch verschmutzte Flüsse? In den Dörfern der Tsonga glauben sie eher an die bösen Ahnen. Schließlich haben die Männer des Dorfes doch Fisch aus dem angeblich verseuchten Fluss gegessen. Und es ist ihnen nichts passiert! Nur das Krokodil da drüben sieht plötzlich so leblos aus. Aber das tun Krokodile schließlich fast immer.


(Quelle: proplanta.de/ws/werg)

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