Leben im Gefrierfach

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Es glitzert und knistert auf 77,5 Grad nördlicher Breite. Minusgrade: zweistellig. Noch gibt es das grönländische Inlandseis. Seit bald 30 Jahren kommt Jörgen-Peder Steffensen immer wieder für Monate in die ewige Kälte. Schnee, Sturm – nichts ist ihm fremd. Steffensen hat begriffen: Alles in dieser weißen Wüste hängt vom Wetter ab.

Als erstes stellt sich der Leiter des Camps deshalb jeden Morgen seinen eigenen Wetterbericht zusammen. Heute hält der Artkisforscher die Temperaturen für geradezu gemütlich: "Das Schlimmste ist, wenn der Horizont nicht zu sehen ist, und es keine Kontraste mehr gibt. Das ist ein Whiteout. Dann weiß man nicht, ob man geradeaus geht oder seitwärts im Wind."

Ein Camp entsteht

Ein paar Zelte, wenige Fahrzeuge, ständig brummende Generatoren - eine Forschungsstation im kristallinen Niemandsland. Unter dieser weißen Decke liegt 125.000 Jahre altes Eis. Seinetwegen sind die Wissenschaftler hier. Sie wollen die Kühltruhe anbohren und untersuchen. Doch bevor es in die Tiefe geht, wird das Camp fit gemacht, für die Forschung – ohne Luftbrücke und Hilfe von oben unmöglich.

Grundvoraussetzung für jede unfallfreie Landung ist das Präparieren der Flugzeugpiste. Jeden Tag aufs neue. Ewige Routine. Damit die Landebahn nicht weich wird.

Seit Tagen wartet Jörgen-Peder, den hier alle nur JP nennen, vergeblich auf eine Maschine. Das Wetter war einfach zu schlecht. Das Team wurde schon nervös. Doch dieses Mal geht alles glatt. Selbst für erfahrene Militärpiloten ist die Schneelandung eine Herausforderung. "Auf dem Eis kommt immer alles anders, als man denkt. Deshalb haben wir einen Plan A und einen Plan B. Wenn wenigstens Plan B klappt, können wir froh sein", erklärt Jörgen-Peder Steffensen.

Ohne die Versorgungsflüge durch die amerikanischen Militärmaschinen wäre das Forschungsprojekt nicht denkbar. Die "Hercules" bringt Baumaterialien, Treibstoff und was zu essen. Das sei hier besonders wichtig, erzählt uns Sarah - die ist schließlich Köchin und hier einzige Frau auf dem Eis. Begeistert zeigt sie JP ihre neueste Errungenschaft. Eine topmoderne Küchenmaschine.

In ihrer Zeltküche fehlt es der Frau aus Montana an nichts. Von Kuchen bis Lasagne – die leidenschaftliche Campköchin erfüllt Forscherwünsche: "Es macht Spaß, all die Geschichten zu hören. Wir sind wie eine Familie." Auch wenn es gelegentlich mal länger dauert, bis sich das Familienglück einstellt. "Das hängt halt von den Leuten ab", sagt Sarah und lacht.

Der Eis-Forscher – ein Multitalent

Zu Beginn, wenn ein Camp aus dem Eis gestampft wird, sind Wissenschaftler Tausendsassa: Fahrer, Schreiner, Monteure, nur keine Forscher. Und für das Neem-Projekt sind ihre Pläne besonders ehrgeizig. Sie wollen ein mehrstöckiges Gebäude hochziehen, inklusive funktionstüchtiger Duschen.

Doch noch ist jeder Luxus fern. JP nimmt uns mit in seine rote Tomate, wie er seine Behausung nennt. Es ist ein bisschen wie im Ausnahmezustand. Doch geteiltes Leid ist halbes Leid. Seine Frau forscht auch in der Kälte, ist jetzt aber weit weg: Da die beiden vier Kinder haben, wechseln sie sich ab, oft beim selben Projekt. Und das seit 28 Jahren.
Die Entbehrungen haben beide nie gestört.
"Das Faszinierende ist das Abenteuer", schwärmt Jörgen-Peder Steffensen. "Das war es, was mich ursprünglich begeistert hat. Heute ist es faszinierend zu sehen, wie eine neue Generation dieses Abenteuer erlebt. Schließlich wird man hier draußen ganz und gar auf die primitivsten Dinge des Lebens reduziert. Man wird dreckig, wäscht sich nicht, stinkt. Du wirst zum Tier."

Doch der Geophysiker zweifelt nicht eine Sekunde daran, dass es das wert ist: "Eiskerne, Klima, globale Veränderungen, das ist der Stoff für Dramen. Dafür gibt es großes öffentliches Interesse. Darüber bekommen wir unsere Anerkennung. Das gibt einem Antriebskraft und reizt auch junge Studenten an diesem Fachgebiet."

Hoffnung auf Erkenntnis

Jörgen-Peder weiß, die Politik setzt große Hoffnungen in dieses Projekt. Es soll neue Erkenntnisse über den Klimawandel liefern. JP führt uns an die Stelle, wo bald das Herz des Lagers schlagen soll: der Eisbohrer. Bis in zweieinhalb Kilometer Tiefe wird er sich fressen. Vor über 100.000 Jahren war es hier noch fünf Grad wärmer. Eine Parallelentwicklung zu heute. Den Eiskern, den sie rausholen, werden sie daher genau auf seinen Kohlendioxid-Gehalt untersuchen. "Das Einzige, was den Politikern für die CO2-Debatte als Grundlage dient, stammt aus diesen Eiskernen. Ohne die würden wir gar nicht wissen, wie gering der Kohlendioxid-Anteil mal war, in der Klimageschichte, und wie wir ihn im Industriezeitalter in die Höhe getrieben haben", sagt Jörgen-Peder Steffensen.

Die Hoffnung auf Erkenntnis rechtfertigt aus Sicht der Forscher den hohen Energieverbrauch hier draußen. Die Generatoren kennen keine Pause. Der Fuhrpark auch nicht. Still ist es nicht in der weißen Wüste. Und auf über 2.000 Meter Höhe fällt jede körperliche Anstrengung schwer.

Familienatmosphäre im verfrorenen Niemandsland

Sverre schaukelt mit dem Scooter warmes Wasser für seine erste Dusche seit Wochen. Fünf Liter, mehr nicht. Ein Zelt im Zelt, direkt auf dem Eis. Heizung: Fehlanzeige. Hygiene-Standards im Grenzbereich, aber Sverre macht sich samstagsfein. Denn, wie wir schnell begreifen, Samstag ist ein besonderer Tag im Camp. Es herrscht Krawattenpflicht. Jörgen-Peder Steffensen dazu: "Hier draußen kann man schon nach kurzer Zeit die Tage nicht mehr voneinander unterscheiden. Am Samstag machen wir einen Schnitt. Alle verbringen den Abend miteinander. Das hilft uns, mit den psychischen Anforderungen zurechtzukommen."

Es gibt französischen Rotwein und – genau - Lasagne. Alle haben sich herausgeputzt. Für eine schöne Überraschung. Das Flugzeug hatte einen Postsack an Bord, und der enthält Sonderbriefmarken der grönländischen Post. Darauf: die Forscher als Motiv. "Schaut euch das an", sagt JP stolz.

Da geht selbst dem sonst so abgeklärten Arktisforscher das Herz auf. Das Wichtigste hier draußen, meint er, ist mentale Stärke. Dafür brauchen sie die kleinen Fluchten am Wochenende.

Jimmy Hendrix im Eiscamp. Das Team aus aller Welt beweist Durchhaltevermögen. Die Party geht noch ein paar Stunden. Familienatmosphäre im verfrorenen Niemandsland, auf dem grönländischen Inlandseis.


(Quelle: daserste.de/ws/werg)

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