Bei Niederlagen droht Arbeitslager

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

"Spielen, um den General zu erfreuen"

 Trainer Kim Jong-hun: “Spielen, um den General zu erfreuen“Nordkorea steht am Pranger wegen der Versenkung eines südkoreanischen Kriegsschiffes. Der Fall ist vor den Weltsicherheitsrat gebracht. Das Verhältnis zwischen dem kommunistischen Nordkorea und dem demokratischen Süden ist gespannt, und Südkorea hat neue Sanktionen gegen Nordkorea verhängt, die den Außenhandel des abgewirtschafteten Staates noch weiter reduzieren werden. Da müsste sich das Propagandaministerium Nordkoreas doch eigentlich über die Fußball-WM freuen, die Ablenkung von internationalen Nöten und Anlass für nationale Begeisterung bietet.

Zum ersten Mal seit 1966 hat sich Nordkoreas Team wieder qualifiziert. Das ist für ein Land, in dem Fußball mehr noch als Volkssport Staatssport ist und der sogenannte „Liebe Führer“, Machthaber Kim Jong-il, höchstselbst Interesse an Fußball bekundet hat, ein großer Prestigegewinn. Doch hält sich die öffentliche Begeisterung für den Auftritt der Nordkoreaner in Südafrika in Grenzen. Zwar wurden die Spieler für ihre Qualifikation von staatlicher Seite belobigt und auf Briefmarken verewigt. Bislang, so sagen Südkoreaner, die die Berichterstattung des nördlichen Staatsfernsehens verfolgen, hat es nur wenig Nachrichten von dem Team aus Südafrika gegeben.

Mit Niederlagen tut sich das Regime schwer

Auf Linie: Die nordkoreanischen Spieler Ri Chol-Myong, Mun In-Guk, Kim Myon-Won und Pak Sung-HyokAuf Linie: Die nordkoreanischen Spieler Ri Chol-Myong, Mun In-Guk, Kim Myon-Won und Pak Sung-Hyok. Es scheint, dass auch die nordkoreanischen Sportfunktionäre wissen, dass man die Erwartungen nicht zu hoch schrauben darf, wenn doch eher mit Niederlagen zu rechnen ist. Nordkorea ist mit Brasilien, Portugal und der Elfenbeinküste in einer sehr schweren Gruppe. Dass Kim Jong-ils Truppe einen Sieg erringen kann, ist kaum zu erwarten, und dem Volk zu Hause Niederlagen zu bieten, will sich die Propaganda ersparen. Mit Niederlagen tut sich das Regime schwer. Weil Nordkorea 1966 nach dem Überraschungssieg über Italien im Viertelfinale gegen Portugal ausschied, durfte das Team jahrelang nicht mehr international antreten.

Noch weitaus peinlicher als eine Niederlage gegen Favoriten wie Brasilien und Portugal wäre es für das Regime in Pjöngjang aber, wenn Nordkoreas Erzwidersacher, das kapitalistische Südkorea, im Turnier weiter kommen würde als das nordkoreanische Team. Kim Jong-il lässt seinen Bürgern, die abgeschirmt von ausländischen Informationen leben, erzählen, dass die Brüder im kapitalistischen Süden in einem amerikanischen Marionettenstaat ein unterdrücktes Dasein führen. Wenn auch selbst im abgeschotteten Nordkorea nur noch wenige glauben, dass die Südkoreaner unter der kapitalistischen Peitsche verhungern, so glaubt man doch, dass es Nationalstolz nur im Norden gibt. Jubelnde südkoreanische Fans wären da kein passendes Bild, meint Brian Myers, Nordkorea-Beobachter in der südkoreanischen Stadt Busan.

Die Nordkoreaner bekommen nur Siege zu sehen

Anscheinend muss sich das Regime über Bilder aber ohnehin kein Sorgen machen. Ein südkoreanischer Sender, der die Spiele für Nordkorea mit ausstrahlen wollte, hat sein Angebot nach dem Angriff auf das südkoreanische Kriegsschiff „Cheonan“ zurückgezogen. Wahrscheinlich bekommen die Nordkoreaner nur kleine Ausschnitte und Aufzeichnungen zu sehen.

Nur diejenigen Nordkoreaner, die an der Grenze zu China oder nahe der innerkoreanischen Grenze leben, wo man verbotener Weise chinesische oder südkoreanische Sender empfangen kann, werden in den Genuss von Live-Übertragungen kommen. Die anderen bekommen nur Siege zu sehen oder die Niederlagen der Feinde wie den Vereinigten Staaten von Amerika.

Peinlich wäre dann allerdings, wenn man einen Überraschungssieg der Nordkoreaner oder gar deren Einzug ins Achtelfinale verpassen würde. Denn das wäre eine hochwillkommene gute Nachricht für das Regime, das derzeit an mehreren Fronten zu kämpfen hat. Machthaber Kim Jong-il ist krank und versucht, anscheinend nicht ganz ohne Probleme, seinen Sohn als Nachfolger zu etablieren. Südkorea und dessen westliche Verbündete setzen Nordkorea unter Druck, weil sie Nordkorea als Schuldigen an dem Torpedo-Angriff sehen. Und die wirtschaftliche Lage ist weiter schlecht, nachdem eine missglückte Währungsreform in den letzten Monaten zu Unruhe in der Bevölkerung geführt hat.

Die Mannschaft spielt, „um den General zu erfreuen“

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Für die Spieler, die zu den wenigen Nordkoreanern gehören, die einmal in den Genuss einer Auslandsreise kommen, steht viel auf dem Spiel. Ein aus Nordkorea geflüchteter Trainer hat in Südkorea berichtet, dass die Spieler für gutes Abschneiden hoch belohnt werden, etwa mit einer Wohnung. Für schlechtes Abschneiden können Spieler aber auch mit Arbeitslager oder Arbeit in den Kohleminen bestraft werden.

Nordkoreas Trainer Kim Jong-hun erklärte denn auch pflichtschuldig, wofür die nordkoreanische Mannschaft zuerst spielt: „um den General (gemeint ist Machthaber Kim Jong-il) zu erfreuen“, und dann erst, „sich der Erwartungen des koreanischen Volks wert zu zeigen“.

 

(Quelle: F.A.Z. , AFP, AP , werg)

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